Neurodermitis bei Kindern
Die Neurodermitis (atopische Dermatitis) ist eine chronisch-entzündliche Hauterkrankung, die häufig bereits im Säuglingsalter beginnt. Sie verläuft in Schüben und ist nicht ansteckend. Typische Symptome sind trockene Haut, Juckreiz und ekzematöse Hautveränderungen. Die Erkrankung tritt familiär gehäuft auf und ist oft mit anderen atopischen Erkrankungen wie Heuschnupfen oder Asthma bronchiale vergesellschaftet.
Ursachen und Auslöser
Eine gestörte Hautbarriere spielt eine zentrale Rolle. Daneben können folgende Faktoren die Symptome verschlechtern:
- Allergene (z. B. Hausstaubmilben, Tierhaare, Nahrungsmittel)
- Mechanische Reize (z. B. kratzende Kleidung, Schwitzen)
- Psychischer Stress, Schlafmangel
- Infekte und Hautkeime (z. B. Staphylokokken)
Grundprinzipien der Behandlung
Die Therapie der Neurodermitis erfolgt nach einem bewährten Stufenschema. Zunächst steht immer die konsequente Basistherapie mit rückfettenden Cremes im Vordergrund. Bei akuten Schüben kommen zusätzlich entzündungshemmende Maßnahmen zum Einsatz, insbesondere topische Kortikosteroide (Kortisoncremes zur äußeren Anwendung).
Kortisoncremes werden dabei gezielt eingesetzt, um akute Ekzeme rasch zurückzudrängen. Wichtig ist:
- Anwendung einer möglichst schwachen, aber wirksamen Zubereitung (z. B. Hydrocortison 0,5–1%)
- Beispiele: Hydrocortison acis® 0,5% / 1%, Hydrocortison-ratiopharm®, Ebenol® 0,5%, Soventol® Hydrocort 0,5% – rezeptfrei bis 0,5 %
- Kurzzeitige Anwendung für 5–7 Tage 1–2× täglich, danach Ausschleichen (z. B. jeden 2. Tag)
- Anschließend Übergang zurück zur Basistherapie
Die Anwendung sollte zurückhaltend erfolgen im Gesicht, in der Windelregion, in Hautfalten (Achseln, Leiste), da die Haut dort dünner ist und das Präparat stärker aufgenommen wird. Bei Säuglingen und Kleinkindern gilt besondere Vorsicht. Bei Bedarf kann eine vorbeugende Behandlung (z. B. 2× wöchentlich) an besonders betroffenen Arealen helfen, Rückfälle zu vermeiden.
Allergietestung und Diagnostik
Die Diagnosestellung erfolgt primär klinisch anhand der Hautsymptome und einer familiären Vorbelastung mit Neurodermitis, Asthma oder Allergien. Allergietests können ergänzend sinnvoll sein, insbesondere bei schwerem Verlauf oder Verdacht auf Nahrungsmittelallergien:
- IgE-Bestimmung: Bluttest auf häufige Allergene (z. B. Pollen, Hausstaubmilben, Tierhaare oder Nahrungsmittel), zeigt eine Sensibilisierung des Immunsystems an.
- Prick-Test: Hauttest, bei dem kleine Mengen Allergene auf die Haut aufgebracht und leicht eingeritzt werden. Eine lokale Reaktion (Rötung, Quaddel) deutet auf eine Sensibilisierung hin. Wird nicht in unserer Praxis durchgeführt.
- Epikutantest: Pflastertest zur Diagnose von Kontaktallergien, bei dem Allergene für mehrere Tage auf dem Rücken aufgebracht werden. Wird nicht in unserer Praxis durchgeführt.
Eine positive Testreaktion sollte immer im klinischen Zusammenhang bewertet werden. Testphasen mit dem Weglassen (Elimination) oder gezielten Einführen (Provokation) von verdächtigen Nahrungsmitteln können helfen, Zusammenhänge besser zu erkennen.
Hautpflege im Alltag
Kleidung
- Weiche, luftige Kleidung aus Baumwolle, Seide, Leinen oder Viskose
- Keine Wolle oder synthetische Stoffe
- Neugekaufte Kleidung immer vor dem Tragen waschen
- Waschmittel ohne Duftstoffe und Weichspüler verwenden
Hautreinigung
- Duschen ist hautschonender als Baden
- Baden maximal 1–2× pro Woche, lauwarm und kurz
- PH-neutrale, seifenfreie Waschlotionen verwenden
- Haut nur vorsichtig abtupfen, nicht rubbeln
- Unmittelbar nach dem Waschen rückfettend eincremen
Rückfettende Badezusätze
Ölbäder können die Basistherapie unterstützen, sind aber kein Ersatz für die tägliche Pflege. Empfehlenswerte Präparate:
- Balneum Hermal® / Hermal Plus: pflanzliche Öle, rückfettend und juckreizlindernd (Plus mit Polidocanol)
- Linola® Ölbad: mit ungesättigten Fettsäuren, besonders pflegend
- Oilatum®: mit Paraffinöl, für stark trockene Haut
- Tannolact®: mit Gerbstoffen, gut bei nässender oder entzündeter Haut
Anwendung: 2–3× wöchentlich, ca. 10–15 Minuten bei 35 °C, danach Haut sanft abtupfen und sofort eincremen.
Basistherapie und Pflege
- Regelmäßige Anwendung rückfettender Pflegeprodukte (je nach Jahreszeit: im Sommer eher Creme, im Winter Salbe)
- Auch in symptomfreien Phasen konsequent pflegen
- Beispiele für verordnungsfähige Basiscremes: Sanacutan®, Linola Fett®, Eucerin Omega®, Neuroderm®, Excipial®
- Hygienische Entnahme der Pflegeprodukte (z. B. mit Spatel)
- Halbseitenversuch zum Test neuer Produkte
Stufentherapie der Neurodermitis
Stufe 1: Leichte Trockenheit
→ Basistherapie und Alltagsmaßnahmen
Stufe 2: Rötung, Juckreiz, Knötchen
→ Basistherapie plus:
- Fett-feuchte Verbände (z. B. mit fetthaltiger Creme und feuchten Umschlägen: zuerst die Creme auftragen, dann eine feuchte Mullbinde darüberlegen, abschließend mit trockener Binde fixieren; für einige Stunden anwenden)
- Niedrigpotentes Kortisonpräparat wie Hydrocortison 0,5–1% für 5–7 Tage
- Alternativ: topische Calcineurininhibitoren wie Pimecrolimus (Elidel®) oder Tacrolimus (Protopic® 0,03%)
Stufe 3: Nässende Ekzeme, starke Beschwerden
- Hydrophile Pflegegrundlagen sind wasserhaltige Cremes, die bei nässenden, entzündeten Hautstellen eingesetzt werden. Sie wirken kühlend, fördern das Abtrocknen und lassen sich gut auf der Haut verteilen. Beispiele: Excipial® Hydrocreme, Linola® Creme, Sanacutan® Creme.
- Schwarztee- oder Tannin-Umschläge (ein Tuch mit lauwarmem, stark aufgebrühtem Schwarztee oder Tanninlösung tränken, vorsichtig auf betroffene Hautstellen legen, 10–15 Minuten einwirken lassen)
- Vermeidung häufiger Schwimmbadbesuche (Chlorwasser kann die Haut reizen)
- Bei Bedarf mittelpontente Kortikosteroide wie Mometason (Ecural®) oder Betamethason (Betnovate®) – nur kurzfristig und nach ärztlicher Rücksprache
Medikamentöse Therapieoptionen
Topische Kortikosteroide (TCS)
- Wirkstärke und Dauer individuell anpassen (z. B. Hydrocortison Klasse I, Mometason Klasse II–III)
- Im Gesicht, Achseln und Leiste nur sehr zurückhaltend anwenden
- Optionen: reaktive oder vorbeugende Behandlung mit 2×/Woche Anwendung auf besonders betroffene Hautstellen
Topische Calcineurininhibitoren (TCI)
- Alternative zu Kortison, v. a. im Gesicht
- Pimecrolimus (Elidel®) und Tacrolimus (Protopic® 0,03%–0,1%)
- Kein Risiko der Hautverdünnung
- Zu Beginn evtl. Brennen auf der Haut
- Guter Sonnenschutz erforderlich!
Weitere Maßnahmen
- Vermeidung bekannter Auslöser (z. B. Allergene, Hitze, Stress)
- Beratung zu Kratzalternativen (kühlen, klopfen, ablenken)
- Hautinfektionen frühzeitig erkennen und behandeln
Zusammenfassung
- Geduld und konsequente Pflege sind der Schlüssel
- Keine Heilung, aber gute Kontrolle möglich
- Eine gute Eltern-Kind-Beziehung stärkt die Resilienz
Neurodermitisschulungen in Berlin
In Berlin werden altersgerechte Schulungen für betroffene Kinder, Jugendliche und Eltern über den Förderkreis Patientenschulung im Kinder- und Jugendalter Berlin e. V. angeboten. Die Teilnahme kann helfen, die Erkrankung besser zu verstehen und im Alltag besser damit umzugehen.
Viele gesetzliche Krankenkassen übernehmen die Kosten nach vorherigem Antrag. Termine können bequem online gebucht werden: Neurodermitisschulung Berlin.
Entwicklung im Kindesalter
Viele Kinder erleben im Kindergartenalter bis zur Grundschule eine deutliche Besserung oder sogar vollständige Symptomfreiheit. Studien zeigen, dass ca. 80 % der betroffenen Kinder bis zum 8. Lebensjahr weitgehend aus dem Ekzem „herauswachsen“ – und auch bei jüngeren Kindern ab etwa 4 Jahren oft eine Besserung eintritt. Dies bedeutet zwar keine Garantie, gibt aber berechtigte Hoffnung für einen entspannteren Alltag. Dennoch bleibt eine regelmäßige Hautpflege wichtig, um Rückfälle zu vermeiden.
Weiterführende Informationen
- AGNES e. V. – Arbeitsgemeinschaft Neurodermitisschulung
- AWMF-Leitlinie „Atopische Dermatitis“ (S2k)
- Deutsche Haut- und Allergiehilfe e. V.
- BZgA – Kindergesundheit-Info
- Neurodermitis-Lotse der Techniker Krankenkasse
Sie haben Fragen? Wir beraten Sie gerne persönlich in unserer Praxis. Bei Bedarf arbeiten wir eng mit spezialisierten kinderallergologischen und kinderpneumologischen Fachpraxen zusammen.
Letzte redaktionelle Prüfung am: 28.06.2025.
